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Herr Professor Vogel, warum sollte die Meningokokken C-Nachholimpfung konsequent durchgeführt werden?
"Aufgrund der in Deutschland relativ niedrigen Zahl der Meningokokken C-Fälle konnte sich die Ständige Impfkommission im Jahr 2006 nicht zu einer zielgerichteten Impfkampagne mit dem Serogruppe C-Konjugatimpfstoff entschließen. Als Impfzeitpunkt hat die STIKO darum das 2. Lebensjahr gewählt, mit der Option die nicht durchgeführten Impfungen im späteren Alter nachzuholen - so wie es auch bei anderen Impfungen ist. Diese Empfehlung ist sicherlich ein Kompromiss, der für Kinder im 1. Lebensjahr, aber auch für Jugendliche bedeutet, dass es keine konsequente Durchimpfung geben wird. Aus gesundheitlicher und auch wissenschaftlicher Sicht ist eine Impfung bei Jugendlichen aufgrund des im jugendlichen Alter beobachteten zweiten Altersgipfels der Meningokokken C-Erkrankungen wünschenswert. In der Gruppe der 10- bis 19-Jährigen wurden seit 2001 dem Robert Koch-Institut jährlich ca. 44 Meningokokken C-Fälle gemeldet, die Sterblichkeit bei einer Infektionen mit Meningokokken C liegt deutlich über 10 %. Bezüglich der individuellen Vorsorge ist zu beachten, dass die Umsetzung der Nachimpfungsempfehlung eine gemeinsame Entscheidung von impfendem Arzt und Patienten oder dessen Eltern sein sollte."
In der Schutzimpfungsrichtlinie des Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) wird explizit darauf hingewiesen, dass Nachholimpfungen im Sinne einer Catch-up-Strategie nicht empfohlen sind. Wie passt das mit der STIKO-Empfehlung zusammen?
"In mehreren europäischen Ländern, allen voran im Vereinigten Königreich, aber auch in den Niederlanden, in Spanien und in weiteren Ländern, wurde die Empfehlung der Grundimmunisierung im Kindesalter ergänzt: Hier wurden zeitlich befristeten Kampagnen durchgeführt. Das heißt, es wurden zusätzlich auch die Jahrgänge gegen Meningokokken C geimpft, die nicht in die allgemeine Impfempfehlung "fallen". Diese mit großem organisatorischem Aufwand betriebenen Impfkampagnen haben zu einem starken Rückgang der Serogruppe C-Erkrankungen geführt. Man weiß mittlerweile auch, dass gerade die Durchimpfung der Jugendlichen aufgrund der Erreichung einer Herdenimmunität maßgeblichen Anteil am Erfolg der Impfkampagnen hatte. Aufgrund der in Deutschland niedrigeren Meningokokken C-Erkrankungsrate wurde dieser Weg von der Ständigen Impfkommission nicht gegangen: eine sogenannte Catch-up-Kampagne ist nicht vorgesehen und bei uns innerhalb der bestehenden Möglichkeiten (J-Untersuchungen) organisatorisch relativ schwer durchführbar. Das schließt aber nicht aus, dass im Rahmen unseres Systems der Impfvergabe Nachholimpfungen bei älteren Kindern und Jugendlichen durchgeführt werden."
Führt dieser missverständliche Satz nicht zur Verwirrung?
"In der 2007 bekannt gemachten Richtlinie des gemeinsamen Bundesausschusses heißt es, dass die STIKO Nachholimpfungen aller Jahrgänge bis zum vollendeten 18. Lebensjahr im Sinne einer Catch-up-Strategie nicht empfehle. Ich denke, dass dieser Satz durchaus eindeutig ist. Die Bewertung der Richtlinie würde aber vereinfacht, wenn der Satz durch eine Aussage über die individuelle Nachholung nicht erfolgter Impfungen ergänzt würde. Ich möchte in diesem Zusammenhang betonen, dass es nicht die Aufgabe des Nationalen Referenzzentrums ist, die Richtlinie zu bewerten."
Denken Sie, dass mehr Ärzte die empfohlene Nachholimpfung durchführen würden, wenn der Passus zur Catch-up-Strategie eindeutiger formuliert wäre?
"Die Beantwortung dieser Frage fällt mir als Mikrobiologen nicht ganz leicht, es ist aber nach meiner Erfahrung nicht abwegig zu vermuten, dass die Anwendung der Meningokokken C-Impfung stark davon abhängt, ob die Impfung durch die gesetzlichen Krankenkassen erstattet wird. Insgesamt fällt mir in der telefonischen Beratung von Eltern eine recht große Bereitschaft zur Impfung auch älterer Kinder auf. Die Impfung sollte dann im jeweiligen Fall mit der zuständigen Krankenkasse abgestimmt werden."
Warum erkranken vor allem Kinder und Jugendliche an Meningokokken C?
"Nur in seltenen Fällen führen Meningokokken C zu einer schweren Erkrankung. Hierbei sind vor allem Säuglinge und Kleinkinder betroffen, die keine schützenden Antikörper besitzen. Einen zweiten, wenn auch geringeren Altersgipfel finden wir bei Jugendlichen. Dieser Altersgipfel ist dadurch begründet, dass gerade bei dieser Altersgruppe die Anzahl der Meningokokken C-Träger - auch wenn diese oftmals keine Krankheitserscheinungen zeigen - rapide ansteigt und die Wahrscheinlichkeit der Ansteckung besonders hoch ist. Studien zeigen auch, dass das Sozialverhalten und der Lebensstil von Jugendlichen ein erhöhtes Risiko für die Erkrankung mit sich bringen."
Wie viele Menschen erkranken in Deutschland jährlich an einer Meningokokken C-Infektion?
"Seit 2001 wurden dem Robert Koch-Institut jährlich ca. 127 Fälle der Meningokokken C-Erkrankung gemeldet, wobei es relativ große Unterschiede zwischen den einzelnen Jahren gab: So lag die Erkrankungszahl 2003 bei 173 Fällen. In 2007, einem Jahr mit einer insgesamt sehr niedrigen Meningokokken-Inzidenz, wurden nur 89 Fälle gemeldet."
(Anmerkung der Redaktion: Zeitpunkt der STIKO-Empfehlung zur Meningokokken C-Impfung war 2006)
Wie merkt man, dass man eine Meningokokken-Infektion hat?
"Problematisch ist der oft unspezifische Beginn der Erkrankung, der durch grippeähnliche Symptome geprägt ist, die von Erbrechen und Durchfall begleitet sein können. Hinzu kommen hohes Fieber, gegebenenfalls Bewusstseinstrübung und Nackensteifigkeit, sowie charakteristische rote Hautflecken, die mit einer massiven Störung des Gerinnungs- und Immunsystems assoziiert sind. Wichtig ist, dass auch Eltern die Symptomatik bekannt ist, sodass sie schnell reagieren können und eine rasche notärztliche Versorgung eingeleitet werden kann."
Wie sollten sich Personen verhalten, in deren Umgebung ein Meningokokken-Fall aufgetreten ist?
"Das Robert Koch-Institut hat in seinem Merkblatt zu Meningokokken-Infektionen recht genau aufgeschlüsselt, welche Personen im Falle eines sehr engen Kontaktes zu einem Meningokokken-Patienten einer vorbeugenden Antibiotika-Behandlung zugeführt werden sollten. Ganz im Vordergrund steht hierbei die Behandlung der Familienmitglieder des Patienten, da gerade Personen, die im gleichen Haushalt wie der Patient leben, in verschiedenen Studien ein deutlich erhöhtes Risiko einer Meningokokken-Infektion aufweisen. Wir favorisieren das Management der Kontaktpersonen durch das örtliche Gesundheitsamt, da sich dort kompetente Mitarbeiter befinden, die anhand der bestehenden Richtlinien eine Prophylaxe für betroffene Personen regeln. Wir empfehlen die Anwendung verschiedener Antibiotika in Einklang mit den Empfehlungen der STIKO. Ein unkontrollierte "Ausschüttung" von Antibiotika an ein weites soziales Umfeld des Erkrankten ist wissenschaftlich nicht zu begründen und bringt mehr Schaden als Nutzen."
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